A schware Partie
Rennbericht Ironman Klagenfurt 2016
Wie immer sitze ich gerade beim Rennbericht und denke über das Rennen nach. Zufrieden ja oder nein? Was ist da gestern eigentlich abgegangen? Und warum habe ich eigentlich nicht das erreicht was ich wollte? Hab ich Lanzarote doch nicht so verarbeitet wie gehofft und mir selbst vorgemacht? Irgendwie bin ich ausgebrannt; Ein bisschen enttäuscht aber gemischt mit einem Hauch von Stolz, es trotzdem durchgezogen zu haben; Aber eines weiß ich ganz sicher – gestern „hab ich a schware Partie gehabt“ und das kam so:
Der Rolling Schwimmstart eine leichte Übung, mein Freund und Trainingspartner Heinz Travnicek und ich klatschen uns ab und los geht’s. Alle 5 Sekunden lassen sie vier Athleten ins Wasser, kein Gemetzel, keine Entladung der Anspannung wie sonst, wenn 3000 Verrückte auf einmal ins Wasser stürmen. Irgendwie gehört der Massenstart zum Ironman und nicht das Teletubby reinlaufen in 4er Reihen. Vorteil: Du bist gleich im Rhythmus, keine störende Hand oder Ferse im Gesicht, doch mir fehlt trotzdem die Spritzigkeit, das spür ich gleich und wird durch die Schwimmzeit von 01:03.54 bestätigt.
Auf dem Rad eine ähnliche Situation - ganz okay - aber immer ein bis zwei Minuten hinter den Sollsplits. Als ich bei Rosegg bergauf fahre, plötzlich rechts von mir am Gehsteig eine etwas sehr beleibte Frau, auf einem Rad und sie setzt zum Überholen an!!!! What a f….k!!! was ist jetzt los!!! Sie muss das an meiner Körperreaktion erkannt haben, denn ehrlich tröstend sagt sie zu mir: „Keine Angst das ist ein Rad mit Elektromotor“ Na dann - ich lass sie trotzdem nicht überholen - aber ich denke – „des wird a schware Partie“.
Ab da bin ich nur noch auf Schadensbegrenzung aus, und bemühe mich in der zweiten Runde nicht zu viel abzufallen. Das gelingt mir auch, obwohl wir fast eine Stunde im strömenden Regen fahren müssen. Heissa mit 70km/h den Rupertiberg runter, nasse Fahrbahn, angelaufenes Visier und ohne Bremsfallschirm, aber wenigsten durch den ständigen Sprühregen erfrischend gekühlt. 05:16:42, 245 Watt Durchschnittsleistung und knapp 34km/h Schnitt, sind dennoch kein berauschendes Ergebnis.
Als ich in der Wechselzone wieder einmal in der Dixikabine bin, nehme ich den Helm ab und denke mir „da bleib ich hier ist es wunderschön!!“. Trotzdem beweg ich mich raus und in diesem Moment kommt Heinz in die Zone „Pauli was machst du da???“ - „Häusl…schei…“ als Abschluss des feinsinnigen Dialogs.
Als ich rauslaufe empfängt mich der Platzsprecher vor hunderten Zuschauern mit den Worten „Paul an der Finish Line hab ich eine Überraschung von deiner Tochter Melanie und Thomas für dich – see you!!“. Total verwundert und überrascht denk ich mir dann mehrmals „werd ich an der Finishline erfahren, dass ich bald Opa bin oder will sie heiraten?“ Ich weiß aber eines „des wird noch a schware Partie“ bis ich an der Finish Line bin.
Als 400 Meter weiter Heinz im Gebüsch steht, er lächelt vor Erleichterung, warte ich höflich auf ihn, nur kein Stress, und dann laufen wir einen knappen Kilometer gemeinsam. Er läuft irrsinnig locker, und als er sich fragend, ja fast entschuldigend nach mir umdreht, ruf ich ihm zu „Heinz bitte lauf doch, ich komme nicht mit, mach dein Ding!!“. Von Herzen bin ich ihm vergönnt, dass er mich ordentlich herbrennt und mir mit 10:13:09 starke 17 Minuten abnimmt. Tolle Leistung, alles aufgegangen, ich ziehe meinen Hut, Congrats Heinz!!
Ab Kilometer 11 kann ich die knapp 5 min/km Pace nicht mehr halten und das Rennen ist endgültig „a schware Partie“. Jetzt beginne ich zu beißen, nicht aufgeben ist die Devise und ich nehme mir zwei Dinge vor: Erstens den deppaten Marathon unter vier Stunden zu finishen. Das gelingt mir mit viel Willensstärke, Gedanken dass ich vielleicht bald Opa werde oder mich Thomas um die Hand von Melanie bittet in 03:58:30; Aber nicht zuletzt dank der Unterstützung meiner Freunde an der Strecke, die mir unglaublich viel Kraft und Motivation gegeben haben und mich nach vorne pushen. Zweitens hatte ich meiner Martina nach Lanza versprochen endlich einmal beim Marathon zu lächeln - und jedes Mal wenn ich sie an der Strecke sehe, lächele ich ihr zu. Einmal hab ich sie, glaube ich zumindest, in den Arm genommen und geküsst, das war sicher keine Fata Morgana muahahaha.
Nach 10:30:23 komme ich an der Finish Line an und der Platzsprecher Bernie richtet mir vor hunderten Zuschauern aus, wie stolz Melanie und Thomas auf mich sind und wie leid es ihnen tat, nicht dabei gewesen zu sein, keine schware Partie, ein herzlicher, emotionaler Höhepunkt, der mich in diesem Moment für alles entschädigt, was ich an diesem Tag durchgemacht habe. Auf Facebook ist das Video vom Zieleinlauf zu sehen.
Ich liege dann im Zielbereich, eingepackt in Staniol wie ein Christbaumschmuck, wohlig warm angestrahlt von der Sonne und ich denke mir „hier will ich sofort einschlafen“. Es ist aber nicht der Kreislauf, ich muss mich ausstrecken weil sich die gesamte Muskulatur ab dem Becken abwärts zusammenzieht, einfach Hölle weh tut. Aufstehen will und kann ich 30 Minuten nicht. Das Gehen wird in den kommenden Tagen noch eine kleine SadoMaso Nummer.
Das Ergebnis der schwaren Partie: In der M50 8er Platz bei den ÖSTM, 29er Platz international in der AK 50 von 299 gewerteten Triathleten, selbst in beiden Wertungen wäre ich nicht in Bestform annähernd an die vorderen Plätze rangekommen – deshalb aufrichtige Gratulation an alle, das ist nicht mehr meine Liga, so ehrlich muss man sein.
Ach ja, Nobschi, Heinz und ich wir haben uns schon angemeldet für den Ironman Klagfenfurt 2017 – Gott sei Dank ist dann Heinz nicht mehr in meiner AK, weil ich als Fast Opa in die AK 55 aufrücke muahahaha.
Jetzt werde ich einmal ordentlich regenerieren, noch ein paar Rennen machen und mich dann für 2017 neu vorbereiten, damit es dann wieder heißt „Scheiß di net aun, see you an der Finish Line“ - denn ob ihr es glaubt oder nicht, es war zwar „a schware Partie“ aber das Feuer brennt wie immer.
Euer Paul