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Leiden auf hohem Niveau – Ironman Klgft 2014

Aloha liebe Freunde/innen

Es gibt Tage die führen dich mental und körperlich an deine Grenzen und du liegst am Abend im Bett und bist enttäuscht, weil nicht einmal deine geringsten Erwartungen erfüllt wurden. So ein komischer Tag war der 29.06.2014, der Tag des Ironman Austria in Klagenfurt. Aber alles der Reihe nach.

Am Freitag stehen und liegen mein Freund/Trainer Wolfgang Rausch und ich in Klagenfurt im Europapark und ein Physioguru löst uns noch die letzten Muskelverhärtungen. Unser Grunzen und Schreien ist im Park sehr weit zu hören, unsere Stand- und Liegepositionen lassen auch so manches vermuten, weshalb einige Spaziergänger doch verwundert stehen bleiben. Schweine die was anderes dachten - aber manchmal sind die Dinge anders, als sie wirklich scheinen, muahahaha.

ironman klafu 2014

Der Tag des Rennens beginnt sehr stimmungsvoll, perfekte Bedingungen ich fühl mich echt gut, wie immer angespannt, voller Respekt, bereit ab dem Donnerknall zur Kampfmaschine zu mutieren.

Der Schwimmstart artet auf den ersten vier- fünfhundert Metern zu einem nie dagewesenen Gemetzel aus, aber ich komme schnell in den Rhythmus, fühle mich echt gut. Dann die erste kleine Enttäuschung beim Ausstieg, 1:00:45 für die 3,8km, ich hatte mir nicht zuletzt auf Grund der Trainingsleistungen insgeheim um die 57 Minuten erwartet….wurscht.

Hoch konzentriert gehe ich in die erste Radrunde an, die Vorgabe meines Trainers: Nicht überzocken, Hirn statt Bauch, Körner für den Marathon sparen. Unglaublich es gelingt mir, ich bin zwar mit ein paar schnellen Gruppen unterwegs, muss sogar wegen des Windschattenverbotes öfters bremsen!!!!! und komme nach knapp 92 Kilometern mit 02:32 zur Wende. Ab da hab ich mir vorgenommen ich fahr noch ein bisschen schneller, nachher erfahre ich, dass ich zu dieser Zeit so um den Platz drei in meiner Altersklasse liege. Also eigentlich alles im Plan.

Exkurs: Damit dein Körper Sport machen kann brauchen die Muskelzellen Treibstoff – Benzin in Form von Kohlenhydraten, wie isotonische Getränke, Cola, Red Bull, Zucker mit Fruchtgeschmack wie Riegel und Gels. Diese müssen noch dazu schnell verfügbar sein, das heißt innerhalb von 15 Minuten dort sein wo sie gebraucht werden, also in den Muskelzellen. In deinen Tanks (Muskelzellen) sind ca. 4.000 kcal eingelagert, bei einem Ironman verbrauche ich ca. 10.000kcal also muss ich nach Adam Riese ca. 6.000kcal in Form der oben angeführten Dinge während des Rennens regelmäßig zuführen. Ohne Benzin kommt der Mann mit dem Hammer und dir gehen einfach die Lichter aus, rien ne va plus, Tilt – nichts geht mehr, alles klar???

Auf der zweiten Radrunde ca. bei Kilometer 110 in Dellach merke ich, ich kann weder Iso trinken noch Riegel essen, absoluter Brechreiz, mir ist zum Speiben. Jedes Mal wenn ich ein Stück Riegel in den Mund stecken oder einen Schluck Iso zu mir nehmen will, drückt es mir die Magenschleimhäute in meine Nasenlöchern. Fuck!!!! und ich habe noch 70 Radkilometer mit knackigen Anstiegen und einen Marathon vor mir. Die Tanks werden zunehmend leerer, ich muss nachlassen, verliere Zeit werde ständig überholt. Voll deprimierend - ich weiß spätestens nach dem Rupertiberg - der Hawaii Slot wird immer unrealistischer. Irgendwann denk ich „hoffentlich hab ich einen Raddefekt“, das ist aber nicht möglich bei Trittwerk Peters Zeitfahrmaschine oder „ich baue mich einfach in einer engen Kurve bei den Schutzmatten ein“ das entspricht aber nicht meinem Charakter.

So komme ich mit 05:15:19 nach 180km vom Rad in das Wechselzonenzelt. Ich bin absolut leer, kein Tropfen Benzin im Tank, mental ausgelaugt deprimiert - einfach voll fertig. Ich hocke mich hin und will alles hinschmeißen, ich will da nicht rausrennen, ich will zu Martina und ihr sagen, dass ich überhaupt mit dem Triathlon aufhöre. Wozu die Schmerzen, ich will mir diese Scheiße nicht mehr antun, ich kann nicht mehr. Ich weiß genau wenn ich meinen Kadaver da jetzt raus bewege beginnt das Leiden mental und physisch erst wirklich. Alles bisherige, so würde Ostbahnkurti sagen ist „ein Lercherlschaaß“. (Für meine deutschen Freunde der Buubs einer Lerche, das Vogerl das so schön singt wenn du in der Früh trainierst). Aber dann denke ich an meine Freunde, die von St.Pölten, Wien und Podersdorf extra wegen mir gekommen sind, die da draußen auf mich warten, die mich anfeuern und mit mir mitrennen wollen. Ich bin es ihnen schuldig, das gebietet der Respekt. Ich bin zwar etwas, so würde meine Martina sagen „rustikal veranlagt“, aber „das tut man nicht“ würde wieder meine Mama sagen.

Also schleppe ich mich nach fünfeinhalb Minuten auf die Laufstrecke. Alles in mir schreit bleib stehen, mein Hirn, mein Körper alles plärrt „stoooooppppp“, die erste Kilometertafel – nur noch 39 Kilometer, na super mental der Hammer wie soll ich das überleben??? Aber dann treffe ich die ersten Freunde, sie schreien mich an, motivieren mich, pushen mich immer wieder nach vorne. Sie merken ich leide wie ein Hund. Jeder redet mir zu, ich will trinken - Nasenlöcher verstopft siehe oben. Ich hänge mich dann über eine Misttonne, kotze mir die Seele aus dem Leib, aus dem Magen kommt ja nichts weil nichts drinnen ist muahahaha. Ich werde nur mehr überholt, schleiche dahin. Auf den letzten fünf Kilometern vertrage ich nicht einmal mehr einen Schluck Wasser, aber jetzt gebe ich auch nicht mehr auf.

ironman klafu 2014

200 Meter vor der Ziellinie stehen sie dann alle, sie brüllen, johlen und klatschen, ich sehe in ihren Gesichtern den Stolz, die Freude. Ich bleib einfach stehen, ziehe meine Kappe, verbeuge mich und sage „Danke!!!“, in diesem berührenden Moment bekomme ich Gänsehaut, ich weiß „es hat sich ausgezahlt es war es allemal wert!!! Keinen Laufkilometer hätte ich ohne diese Wertschätzung und Unterstützung geschafft. Nie und nimmer hätte ich den härtesten Ironman meines Lebens gefinisht, das war wirklich ein geiler Augenblick von dem ich noch sehr lange zehren werde.

ironman klafu 2014

Den schlechtesten Marathon meines Lebens beende ich in 04:12:07, den Ironman in 10:38:17, ich werde in meiner Altersklasse 33er von 314, gesamt 665er von ca. 3000 Startern. Im Ziel bin ich zwar dann auf Grund der sportlichen Niederlage doch vor Enttäuschung dem Wasser ziemlich nahe, hocke unter einem Baum bewegungsunfähig von der Anstrengung, eine Infusion für den runtergefahrenen Stoffwechsel im Medical Center wird mir verweigert, weil ich noch gehen kann….

Ich habe mich dann aber doch wieder schnell gefangen, denn eines ist klar

  • Niederlagen gehören zum Sport, damit muss man umgehen können und es als Chance sehen, um daraus zu lernen
  • Der Workshop für Willensstärke wurde positiv erledigt
  • Ich fahr jetzt einmal meine Systeme runter, werde regenerieren, halte den Vertrag mit meinem Körper ein, Eis und Stringtanga schauen, er hat großartiges geleistet
  • Ich werde in Zukunft nicht mehr so stark den Fokus auf Hawaii legen, Loslassen können ist auch eine Kunst
  • Ich freue mich auf die Langdistanz Staatsmeisterschaft am 06.09.2014 in Podersdorf


See you in Podersdorf, ihr hört von mir
Danke für Alles
Paul

 

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