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Die 1 Minute 47 Sekunden vom Ironman Klagenfurt

Aloha liebe Freunde/innen

Stellt euch einmal vor ihr geht in Wien in ein Hallenbad mit einem 25 Meter Becken schwimmt dort 152 Längen (3,8km), dann fährt ihr mit dem Rad nach Graz (180km) und läuft im Stadion Liebenau auf der 400 Meter Bahn noch 105,5 Runden (42,2km), dazwischen habt ihr euch zweimal umgezogen und insgesamt 226 Kilometer in knapp 10 Stunden zurückgelegt – was spielt es da für eine Rolle, ob ihr langsamer oder schneller seid um 1 Minute und 47 Sekunden?!?!? Aber alles der Reihe nach, ihr werdet es gleich erfahren.

Am Tag vor dem Wettkampf beim Abendessen im Freundes- und Familienkreis hält meine Tochter Melanie eine berührende Ansprache, sagt mir wie stolz sie auf mich ist, küsst mich und hängt mir mit den Worten „Aloha Papa heuer schaffst du es“ einen Hawaii Blumenkranz um den Hals – na bumm bei so einer Liebeserklärung darf nichts schief gehen.

aloha 2013

Die Anspannung in der Früh zum Greifen nahe, bis endlich das erlösende Päng des Schwimmstarts kommt und sich alles in einer unglaublichen Dynamik entlädt. Es geht sofort die Post ab ich komme in einen suuuper Schwimmrythmus, kein Gemetzel, kein Problem mit der Orientierung, Luft genug, volle Konzentration D-Day es ist angerichtet - 1 Minute und 47 Sekunden

aloha 2013

Als ich die Lend reinschwimme und ich zum Schwimmausstieg komme, zieht mich ein Helfer aus dem Wasser und sagt zu mir „super immer noch unter einer Stunde“. Ist der besoffen oder was? Für mich als gelernten Nichtschwimmer, den sie vor fünf Jahren beim ersten Schwimmttraining nach eineinhalb Längen oder 37,5 Metern noch halb bewußtlos aus dem Becken ziehen und fast reanimieren mussten, - ich konnte nur das „hochfrequente Maschinengewehr Kraul“ fürs Mädels Aufreissen im Sommerbad – schlichtwegs eine Sensation, die magische „Einstunden Marke“ beim Schwimmen auf der Langdistanz zu unterschreiten. Ich schau auf die Uhr 58:30, Krawuzikapuzi ich scheiß mich an, ich lauf durch die johlende Menge und denke mir „jaaaaa sagt Delphin zu mir, jaaaa sagt es, ich bins Flipper“.

Ich komme in die Wechselzone, fast keiner da, Vorteil der ersten Startgruppe und einer schnellen Schwimmzeit, ein Helfer packt mir den Radhelm aus, den Neopren ein – ich habe diesmal nichts verwurschtelt beim Ausziehen - ihr wißt ja der Marouschek mit den zwei Linken –und fragt mich ob ich noch was brauche?? 5 Stern Hotel Luxusklasse all inclusive geil - 1 Minute und 47 Sekunden.

Die Euphorie und eine schnelle Radgruppe ab Einfahrt Südufer Wörthersee verleiten mich zum Fliegen als gäbe es keinen Morgen. Bist du deppat wir bolzen die ersten 25 Kilometer bis Rosegg in 40,3km/h herunter, schneiden über den Anstieg Faak am See und nicht über sondern durch den Rupertiberg. Mit teilweise knapp 70km/h runter vom Berg und im berauschenden Tempo nach Klagenfurt. Die erste Runde sensationell aber leider Bauch statt Hirn. Auf der zweiten Runde merke ich, zu viel Körner verschossen, Rückenschmerzen und nachlassende Oberschenkelmuskulatur, die Rechnung 9 Minuten langsamer obwohl um ca. 4Kilometer kürzer. Ich sollte eben nicht in meinem Alter 180 Kilometer mit durchschnittlich 249 Watt bei 1700 Höhenmetern mit einem 11/23er Ritzel hinten in 5 Stunden 15 Minuten mit Schnitt von 34,25km/h treten - 1 Minute und 47 Sekunden.

aloha 2013

In der Wechselzone am Weg zum Marathon versuche ich mich zu sammeln, ich habe mich ja vor dem Rennen noch wirklich auf die 42,2km gefreut, jetzt muss ich diese Meinung wohl um 180 Grad revidieren. Wieder wird mir jegliche Hilfe angeboten, Sachen gereicht und abgenommen, ihr wisst schon 5 Stern Hotel Luxusklasse all inclusive „brauchen sie noch was?“ – „ja einmal Schuhe putzen und um 21.00 Uhr mit klassischer Musik wecken“ – Muahahahaha….

Auf den ersten fünf Kilometern versuche ich die Revolution meiner Oberschenkel, ich hab sie mir ja beim Radfahren abgestochen, mit Waffengewalt zu unterdrücken und siehe da teilweise gelingt es mir. Ich komme gut in den Laufrythmus und verfalle nie, trotz phasenweisem Seitenstechen und einer drückenden Socke, die Oberschenkel ignorier ich, in den so von mir geliebten Schlurfmodus. Von meinem Team auf der Strecke toll angefeuert und unterstützt erfahre ich bald, dass alles scheiß knapp wird, hinter aber vor allem auch vor mir. Ab Kilometer sieben dreht sich immer alles um ca. zweieinhalb Minuten, die ich in Reichweite des Weltmeisterschafts Hawaii Tickets liege oder davon entfernt bin, wie man es nimmt. An zweieinhalb Minuten soll es ja wohl nicht scheitern denk ich so vor mich hin. Ich kann bis ca. Kilometer 27 den Schnitt knapp unter 5min/km halten, dann muss ich aber nachlassen. Mein Darm zwingt mich wieder einmal ins Gebüsch, ich höre aufmunternde Worte wie „Pauli lauf du Marathonsau“ oder „Martina hat gesagt du musst zwei Minuten schneller werden“, nau daunn wenn mein Boss meint Grins….. 1 Minute und 47 Sekunden.

Ich gebe wirklich alles schaffe den Marathon in 3 Stunden und 35 Minuten und finishe in 09:57:37; swim 0:58:30 (262.) bike 5:15:18 (455.) run 3:35:48 (340.); ten under von 2011 bestätigt. Ich bin total erschöpft, die Anspannung fällt ab, ich lehne beim Masten, es schüttelt mich am ganzen Körper durch, weil die Emotionen ungebremst hoch kommen, speiben will ich kann ich aber nicht .Trotzdem bin ich sehr sehr zufrieden weil vieles gut gelaufen ist. Im Ziel weiß ich aber dann bald, dass das Ticket eine ganz knappe Angelegenheit wird. Der vierte und der zehnte in meiner Altersklasse innerhalb von nicht ganz 8 Minuten, alle unter 10 Stunden bist du deppat die Leistungsdichte im Klub der alten Männer über 50 ist hoch. Ich bin siebenter von 220 Gewerteten in der M 50, (einen Staffelläufer haben sie irrtümlich bei uns gewertet) gesamt 315er von 2647 gestarteten Athleten (davon haben 131 nicht gefinisht) - warten auf die WM Qualifikation am nächsten Tag. - 1 Minute und 47 Sekunden.

Die Slotvergabe am nächsten Tag spielt sich so ab, dass beginnend vom Ersten die Rangliste durchgerufen wird, wenn du nicht „Jo“ schreist wird der Nächste aufgerufen, bis alle Tickets der Altersklasse vergeben sind. Bei mir gibt es vier Tickets…….

Martina und ich sitzen angespannt vor der Bühne und warten, die € 600 Startgeld die du sofort bar bezahlen musst, hätte ich ja schon eingesteckt, der Erste und zweite schreien „Jo“ Jubel der Freunde brandet immer auf, beim dritten und vierten kein „Jo“ zwei Tickets noch und nur noch zwei Athleten vor mir, die Spannung steigt der fünfte schreit „Jo“ wenn sie jetzt den Sechsten, der 1 Minute und 46 Sekunden vor mir gefinisht hat, aufrufen und kein „Jo“ ertönt bin ich in Hawaii. Mein Traum für den ich jetzt fünf Jahre so hart, mit so vielen Entbehrungen teilweise fast unmenschlich trainiert, meine gesamte Lebenseinstellung geändert, fast alles in meinem Leben untergeordnet und manchmal auch zu viel strapaziert habe, würde endlich endlich in Erfüllung gehen. Sie rufen das letzte Ticket auf, Martina und ich sehen uns an, „Agstner Martin, Agstner Martin willst du nach Hawaii?“. Eine Sekunde lang ist es total still, du hörst eine Stecknadel fallen, mein Herz pocht gegen den Sechser rechts hinten bis zur Schädeldecke, und dann plötzlich drei Tische weiter, laut und deutlich „Jo“ und Jubel, vorbei wegen einer 1 Minute und 47 Sekunden.

Ich weiß in diesem Augenblick nicht soll ich plärren, meine beginnende Glatze um 20 qcm vergrößern oder mich in den Arsch beißen, Martinas und mein Unterkiefer müssen wieder manuell dorthin gebracht werden wo sie hingehören. Läppische 1 Minute und 47 Sekunden fehlen und ich hätte es geschafft!!!

Aber irgendwie ist es dann wieder auch nicht soooo schlimm. Ich hatte es selbst in der Hand und beim Radfahren verzockt, ich habe es mir selbst zuzuschreiben, und von 09:30:00, und das hätte allemal gereicht, war ich an diesem Tag sowieso Lichtjahre entfernt. Damit muss man als Sportler umgehen können. Herzliche und ehrliche Gratulation an jene, die an diesem Tag besser waren als ich. Alles andere, die Vorbereitung, Unterstützung von Familie, Freunden, Sponsoren und in der Arbeit waren und sind perfekt, trotzdem bin ich stolz auf meine Leistung „Ten under“ auf einer solchen Reise von Wien nach Graz „na Hallo“ so schlecht ist das auch nicht.

So gesehen war es ein geiler Wettkampf mit Geschichten die nur ein Ironman schreibt. Als Hintergrundinfo für euch betreffend meiner Motivation, für nächstes Jahr bin ich schon wieder angemeldet, jetzt muss ich aber erst wieder gehen lernen. Ich habe meine Oberschenkelmuskulatur ziemlich beleidigt, banalste Dinge sind derzeit nur unter großen Schmerzen möglich. Nächste Woche beginne ich wieder mit dem Training, denn am 24.08.2013 finden die Langdistanz Staatsmeisterschaften in Podersdorf statt und da werde ich etwas mit Sicherheit in den Asphalt brennen - 1 Minute und 47 Sekunden, Aloha 2014!!!!!!

Danke für eure Unterstützung
Paul

 

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