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Ein Tag aus Gold - Podersdorf 2013

Aloha liebe Freunde/innen

Ich habe nach Klagenfurt nicht gehadert, würde ich Yoga können, hätte ich mich zwar in den Hintern gebissen. So hab ich mich nur geärgert und das Ganze als Lehrgeld angesehen, ein Rennen intelligenter anzugehen, Nerven zu bewahren, nicht immer nur mit Fullgas scheinbar nach vorne zu preschen, am Erreichten aufzubauen und um schlichtweg einfach besser zu werden. Ich hab es euch aber auch versprochen, ich werde sie in den Asphalt von Podersdorf brennen die 1 Minute 47 Sekunden von Klagenfurt.

Ich begann mit einer akribischen Vorbereitung mit einem einzigen Ziel: Verteidigung des Langdistanz Staatsmeistertitels 2013 (3,8km swim, 180km bike und 42,2 km run). Erstmalig vor einem Rennen studierte ich die möglichen „Gegner“ in meiner Altersklasse, analysierte deren Zeiten, und entwickelte gemeinsam mit meinem hochmotiviertem Team eine Rennstrategie für diesen einen speziellen Tag – einen Tag wie diesen – einen Tag aus Gold.

Die Rollenverteilung im Team einfach: Jörg die Informationsdrehscheibe dauernd im Internet mit den Zeiten und den Zeitabständen der Gegner, meine Martina beim Laufen für die Gels, mein Bruder Stefan die Marathonsau für Salztabletten/Iso und mein Freund und Arbeitskollege der Urpodersdorfer Gerhard für die Fotogeschichte dieses Tages, sowie alles andere was so auf der Laufstrecke in der Pampas zwischen Labe 2 und 3 passieren könnte, verantwortlich. Ich musste lediglich die 226 Kilometer rasch runterspulen.

Dann begann er der Tag aus Gold - erste Überraschung: Ich hab zwar mein Rad für meine Verhältnisse suuuper schön geputzt, aber natürlich nicht die Isoreste (das ist das pickige Zuckerzeugs das dir bei anstrengenden Trainings aus den Mundwinkel übers Knie auf den Rahmen tropft – die Weiber unter euch sagen jetzt gerade sicher wauuuu grauuuslich) am unteren Teils des Rahmens weil es ja eh keiner sieht entfernt. Am Morgen in der Wechselzone, das Rad hab ich am Abend vorher eingecheckt, alle Ameisen von Podersdorf in Zweierreihen auf mein Rad rauf, in die Tasche mit der Verpflegung rein und wieder in Zweierreihen aber mit vollgefressenen Bäuchen zurück. Super ihr wisst gar nicht wo am Rad plötzlich überall Ameisen sein können.

Keine Überraschung: Der Tag beginnt mit Wind und daher mit unglaublich schwer zu schwimmenden 3,8 Kilometern, die ersten 700 Meter - Wellen von vorne, Wasser schlucken, dann 300 Meter - Wellen von links, Wasser schlucken, 700 Meter – Wellen von hinten, rein Richtung Leuchtturm wie auf einer Luftmatratze reitend - aber immer mit dem Risiko sofort 100 Meter vom Kurs abzukommen. Sehr, sehr lustig das Auf und Ab. Unglaublich witzig auch die ersten 700 Meter zur ersten Boje, ca. tausend wildgewordene Pinguine prügeln sich um die kürzeste Strecke, stehen im Wasser auf und gehen. Ö3 Verkehrsfunk „Stau auf der Hauptverkehrsader im Neusiedler See und wie immer keine Rettungsgasse“. Päng ich bekomme gleich am Anfang eine Faust ins Gesicht - jetzt passt die Schwimmbrille wirklich wie angegossen in die Augenhöhlen. Trotzdem ich komme als 32er von 240 Gestarteten in 01:05:49 aus dem Wasser, Nickname Flipper bestätigt und Hurra die Räder meiner zwei stärksten Gegner (Nummer 144 und 180) um den Titel sind noch da.

Zweite Überraschung: Ich wechsle schnell auf das Rad, aber keine Überraschung: Maro mit den zwei Linken hat den Radschuh mit einem zu langen Gummiband eingeklippst und braucht jetzt mindestens eine Minute länger, weil er unter Sturzgefahr versucht in den deppaten Schuh, der sich ständig nach unten dreht, reinzukommen – Himmelarsch und Zwirn……

aloha 2013

Trotzdem alles läuft nach Plan - an Tagen wie diesen aus Gold. Die erste Runde vergeht im Flug, Startnummer 144 und 180 haben mich noch nicht überholt. Als ich den ersten Riegel essen will dritte Überraschung: Er bewegt sich, weil ihn die mutigsten Ameisen von Podersdorf verteidigen wollen. Es kranscht aber sehr komisch wenn man ihn trotzdem isst und er hat einen hohen Anteil an wichtigen Aminosäuren muahahahaha…

Aber dann auf der zweiten Runde kurz vor Frauenkirchen, Blaulicht, Notarzt, Helfer um einen reglosen zugedeckten Körper am Boden, mir läuft es kalt über den Rücken. Nach dem Rennen erfahren wir, dass dieser Athlet Jahrgang 1957 auf Grund eines Herzinfarktes ohne Einwirkung von Dritten verstorben ist – was bedeutet es wirklich 1 Minute 47 Sekunden von Klagenfurt oder ein Tag aus Gold???.......

Auf der vierten Radrunde schließt ein Athlet zu mir auf, mit langen muskulösen Beinen und daher mit einem irrsinnigen Hebel fürs „Pedalieren“. Ich beginne mich mit ihm zu matchen. Einmal er vorne einmal ich, heissa da beginnt eine wilde Jagd im Steppengebiet. Am Radweg bei der Darscho Lacke bleibt rotgesichtigen Touristen mit 25 Kilogramm Fahrrädern, ihr wisst die mit den Ohrwaschel-Wasserbüffelhörner Lenker, der Mund offen, als zwei ETs mit Raumschiffhelmen mit ca. 40km/h an ihnen vorbeirauschen.
Plötzlich sitzt auf meiner linken Schulter ein kleiner roter Teufel und flüstert mir ins Ohr „Maro lass ihn nicht ziehen, das kannst du nicht zulassen, tritt rein zeig ihm wo Gott wohnt, es ist noch dazu ein Heinz Rüdiger (Deutscher)“, auf der rechten Schulter ein kleiner weißer Engel mit einem kleinen Hintern, langen blonden Haaren usw. - denkt euch jetzt was ihr wollt - haucht mir mit französischem Akzent ins Ohr „Monamuuur“ oder so, „schei nicht blöd, bleib bei mir, lasch ihn doch vorfahren, wir haben Zeit, bleib bitte bei mir du wirscht es nischt bereuen“. Shit was soll ich machen, wenn ich reintrete sind die Körner für den Marathon weg, aber es ist auch eine Frage der Ehre, ich kann doch keinen Heinz-Rüdiger ziehen lassen… “Schei nicht blöd bleib da“, „Na du Trottel!!! ihm nach, überhol ihn!!!“ Ma die zwei auf meiner Schulter gehen mir auf den Geist, ich hau sie vom Rad und vierte Überraschung: Ich trete nur ein bisschen mehr rein, lass den Kollegen aber ziehen, gute Entscheidung für den Tag aus Gold. Von den Nummern 144 und 180 noch immer keine Spur.

Als ich zum Marathon komme, das Radfahren habe ich mit einem Meilenstein unter 5 Stunden in 4.56.42 als 26er des Gesamtfeldes perfekt hinter mich gebracht (Schnitt 36,4km/h, 85rpm Trittfrequenz und 237 Watt) läuft alles ab wie am Schnürchen. Die Info dass der Zweitplatzierte die Nummer 144 15 Minuten Rückstand und die Nummer 180 aufgegeben hat, erfahre ich vom „Nachrichtensprecher“ Gerhard nach ca. 1,5 Laufkilometer. Das beflügelt meine Motorik aber gibt mir auch den richtigen mentalen Kick, für einen Marathon auf einer Strecke in einer Landschaft wo sich nicht einmal Fuchs und Henne gute Nacht sagen.

Fünfte Überraschung: Ich mache etwas was ich die acht Ironmans vorher noch nie wirklich bewusst getan habe, dass sich aber auf der Radstrecke, als starker Gegenwind aufkam und ich trotzdem konstant mein Tempo durchzog, abzeichnete: Ich schalte mein Hirn ein, ich konzentriere mich auf das Wesentlichste, ich spreche nicht mit Gerhard, der immer wieder kurz mit dem Rad vorbeischaut, mir Infos zuruft oder kurz fragt ob ich bei der nächsten Labe was brauche. Ich denke nach „Innen“, haue mich mental sozusagen ins absolute „Nirvana“ und denke „das ziehe ich durch, das bringe ich heim. Ich „arbeite“ irgendwie hochkonzentriert, fokussiere mich auf einen gleichmäßigen Laufrythmus, einen gleichbleibenden Zug am Marathontempo und sage mir „Ich will gewinnen, ich will Staatsmeister werden, ich will sie Tage wie diese aus Gold, ich will, ich will, ich will..“

Wie in Trance nehme ich meinen langjährigen Jugendfreund Günther mit seiner Frau Christa war, sehe die Fanplakate von Hermanns Kindern, greife bei der Labe nach den Gels die mir Martina gibt, nimm den Wasserkrug von Dietmar schütte ihn mir über den Kopf, wieder Labe zwei mein Bruder „Super Rhythmus brings heim“, Wasserschwamm auf den Kopf, dreißig Meter vor mir liegt Gerhard am Boden, schießt „Actionfotos“ „wennst nicht gleich weg bist Gerhard - springen kann ich heut nimmer“. Kleiner Irrtum wie sich noch zeigen sollte. Mein Trainer Wolfi „Wie geht’s?“ „Alles gut“, bei jeder Labe der selbe Ablauf ich bleib kein einziges Mal stehen, halte das Tempo greife blind nach den Flaschen, Schwämmen, Gels, höre wie hinter einem Vorhang „unglaubliche Zeit, toller Rhythmus, 144 steht schon wieder bei der Labe, 18 Minuten Vorsprung..“ Immer bei denselben Streckenabschnitten kommt mir meine Freund Andi Felber, der ebenfalls teilnimmt, entgegen, kurzes Winken und Zurufen, laufen, laufen, weiter, weiter,…
Ich laufe ziemlich konstant und rythmisch, nie am absoluten Limit, mein Team, mein Körper – ich muss kein einziges Mal aufs Klo und von „Möööök anrufen“ keine Spur, mein Hirn, alles arbeitet und funktioniert perfekt. Ein kurzer Gedanke, nach 21 Laufkilometern vielleicht doch auf 09.30.00 zu pushen, wird gleich wieder verworfen, erstens kann ich eh net, zweitens will ich nichts riskieren, Hirn statt Bauch – ein Maro der neuen Art.

Am Beginn der vierten 10 Kilometer Schleife beginne ich zu realisieren, dass mir der Sieg in der Altersklasse M-50 und der neuerliche Staatsmeistertitel nicht mehr zu nehmen sein werden, wenn ich mich nicht noch total deppat anstelle. Ich reduziere gewollt oder ungewollt ein bisschen das Tempo, die letzte Wende, ich lauf schon die letzten fünf Kilometer rein, plötzlich eine Stimme „schiehst du ich habsch dir ja gesagt du wirscht es nischt bereuen“ muahahaha…., da jetzt erst kommt mir 144 entgegen, paah ich beginne zu genießen, Gerhard am Rad „alle Richtung Ziel, er kommt rein, noch drei, noch zwei Kilometer, flamme rouge der alte/neue Staatsmeister kommt !!!!!!“. Mein Bruder „nimmt mich bei der zweiten Labe auf“, läuft mit - moderates Marathontraining sind bei ihm 4min10sec auf den Kilometer - ist komplett aus dem Häusl, filmt und fotografiert mit der GoPro „bist du deppat ich bin stolz auf dich, da Vota würde schauen was wir zwei schon wieder anstellen, ein Schelmenstreich …“ Wohlige Gänsehaut, der letzte Kilometer ich flieg rein.

Ich freu mich riesig und letzte Überraschung: Ich schaffe es doch noch zu springen, mit einem Riesensatz hüpf ich über die Ziellinie, mache noch eine Hechtrolle vorwärts, trete dadurch, und das tut mir echt leid, einen Heinz-Rüdiger auf die Ferse, lass mir rasch die Finisher Medaille umhängen und hau mich sofort zu meinen Team und Freunden. Bist du deppat das ist eine Freude. Ein paar von ihnen, ich verrat aber nicht wer, haben kleine Tränen in den Augen, wir fallen uns um den Hals obwohl ich nicht gerade frisch aussehe und nach Chanel No 5 rieche. Ich hab den Marathon in respektablen soliden 3.37.35 runtergespult und mit einer persönlichen Bestzeit von 09.44.36 gefinisht.

aloha 2013

aloha 2013

aloha 2013

Ich habe meine Altersklasse mit internationaler Besetzung, die nationale Staatsmeisterschaft 2013 in der M 50 und zusätzlich mit, Thomas Srb, Manfred Litzlbauer, die Mannschaftsstaatsmeisterschaft für unseren Verein Asics Tri Klosterneuburg gewonnen. Ein echter Tag aus Gold.

Natürlich hab ich schon vor diesem Rennen mit meinem Trainer die Saison 2014 geplant, um auf den heurigen 2784 km Laufen, 8294 km Radfahren, 283 km Schwimmen, den 759 Trainingsstunden (15:10 pro Woche) und ca. 500.000 verbrannten Kalorien aufzubauen.
Jetzt gilt es aber einmal inne zu halten und Danke zu sagen, meinen Sponsoren, meinem Team, Freunden, Arbeitskollegen und Familie, es wäre nicht möglich gewesen dieser Tag aus Gold, diese meine beste Triathlon Saison ever. Ich bin müde, ein bisschen erschöpft und ein klein wenig stolz, aber vor allem dankbar für das was ich machen darf und kann.

aloha 2013

Aloha 2014 I´ll be back
Euer Paul

 

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