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Bericht Podersdorf 2012

Aloha liebe Freunde/innen

Nach der Schlappe von Klagenfurt und überhaupt einer sehr durchwachsenen Saison habe ich in Podersdorf auf der Triathlon Langdistanz mit einer Gesamtzeit von 10:21:48 den 36. Platz belegt (3,8km swim 1:14:49, 180 km bike 5:07:47 und 42,2 km run 3:55:47), die Altersklasse M50-54 gewonnen und bin zum Drüberstreuen auch noch in dieser Klasse österreichischer Staatsmeister geworden. Wie mir das ganze passiert ist und warum ich überglücklich, dankbar und total zufrieden bin erzähle ich euch jetzt.

In Klagenfurt bin ich eigentlich an zwei Dingen gescheitert, ich habe zu viel und zu intensiv davor trainiert und im Wettkampf selbst hatte ich nur negative „scheiß drauf“ Energie in mir. Beides habe ich vor Podersdorf rigoros geändert. Ich fühlte mich erholt und war total positiv auf den Wettkampf eingestellt. Die Nacht davor wie immer, schlaflos voller Gedanken, Angst, Respekt aber auch Freude. Die Vorbereitungszeit in der Wechselzone vergeht wie im Flug, alles an seinem Platz, perfekt. Mit meinem Freund Andi Felber, der bei der Halbdistanz startet und dem besten Coach der Welt Martina schleich ich mich kleinlaut zum Leuchtturm, wir verabschieden uns, wünschen uns alles Gute. Plötzlich steht da mein Arbeitskollege und Freund Gerhard Lang, er ist Podersdorfer und begeisterter Marathonläufer, grinst uns an, „Hallo Jungs war gerade auf der Laufstrecke laufen, alles in Ordnung alles Gute“. Der Bursche sollte noch eine entscheidende Rolle spielen, aber davon später.

Andi und ich begeben uns bis zur Hüfte watend zur roten Startlinie (für unsere deutschen Freunde - der Neusiedlersee ist ein flacher Steppensee und wenn dir die Luft ausgeht kannst immer gehen). Ach ja und es ist wieder einmal Neoprenverbot wegen der zu warmen Wassertemperatur, weshalb ich kurz überlege meinen Neo, den ich heuer kaum gebraucht hab, in der Rubber/Latex Abteilung eines Beate Uhse Shops zu verkaufen; wir warten also auf das Peng und es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich Gänsehaut bekomme.

Bumm!!!! auf einmal waten 1200 Idioten/innen im See nach vorne, ich denk mir das will ich auch, und ab geht die Post. Auf einer Breite von nur 100 Meter ein Gewurl, Hände, Badehauben, Füße, Zehen, alles ganz nah bis nach 700 Meter die erste Boje kommt. Mein Rhythmus passt, ich denke immer an die Worte meines Schwimmtrainers Josef „Bibi“ Fernesi der mir das Schwimmen beibrachte, Körperspannung, Arme weit nach vorn, Druck aufbauen, langer Zug….bist du deppat es funktioniert, ich merke ab der zweiten Runde du liegst nicht schlecht. Es ist unglaublich mit knapp einer Stunde fünfzehn komm ich aus dem Wasser, sehr viele Räder in der Wechselzone sind noch da, Helm und Brillen auf, mit dem nassen Gewand und Haaren aufs Rad, nein Mama ich werde mich nicht verkühlen, ab zur Radstrecke. Da sehe ich erst meine Martina neben der Wechselzone mitsprinten, ihre Haare und die Kapuze fliegen waagrecht, sie „fleckelt“ richtig, so hab ich sie noch nie gesehen und ich kenn sie doch schon 9 Jahre und 47 Tage, sie schreit irgendetwas von „super unterwegs“, sie lebt richtig mit, ich denke mir mit dem Mädel muss ja will ich unbedingt alt werden……Als sie mich am Tag danach fragt woher ich glaube dass ihr leichtes Ziehen in den Oberschenkeln herkommt, muss ich schmunzeln.

Die ersten drei Radrunden sensationell, ich fahre die 30km Runden konstant in ca. 48 Minuten, kein Wind – Podersdorf der mir fremden Art -. Nach jeder fertigen Runde steht Martina und schüttet mir ca. 1,5 Liter Wasser aus einem Krug bei einer Geschwindigkeit von ca. 35 km/h frontal ins Gesicht, - in Klagenfurt bekam ich so eine Ladung dorthin wo der Sattel mit dem Körper Kontakt hat, Freunde da treibts euch die Augen aus den Höhlen und du willst Jodeln- eine tolle Abkühlung, wir nähern uns schon der 30 Grad Grenze.

Ich überhole einen querschnittgelähmten Teilnehmer, der sein tief liegendes seifenkissenartiges Fahrzeug mit der Hand um die Strecke jagt. Ich schaue zu ihm runter „hopp auf vorwärts du bist echt spitze“, unsere Blicke treffen sich, er lächelt und sagt einfach nur „Danke“. In diesem Augenblick schwöre ich bei Gott, dass ich im Training oder Wettkampf nie wieder Jammern werde. Ich bekomme zum zweiten Mal Gänsehaut. Er finisht mit einer sensationellen Zeit von ca. 8 Stunden 45 Minuten die gesamte Langdistanz und wird bei der Siegerehrung von hunderten mit „Standing Ovations“ würdig geehrt.

Als ich Ende der vierten Runde das erste Mal das vom Veranstalter zur Verfügung gestellte ISO trinken will speib ich mich fast an, giftgrün, grauslich mit echtem Fäulnisgeschmack. Außerdem die ersten Vorzeichen von Klagenfurt, Rückenmuskulatur und Brechreiz, wieder einmal zuviel fullgas. Kein negativer Gedanke, ich strecke mich sofort durch, die Zeit ist jetzt sekundär ich weiß ich liege nicht schlecht, und so krieg die Rückenmuskulatur tatsächlich in den Griff.

In der fünften Runde wird der Brechreiz immer Ärger, ich kann nichts trinken, nichts essen, Gegenstrategie „Möööök anrufen“ Exkurs für die deutschen Freunde: Melk ist ein kleiner Ort in Niederösterreich, Dialekt gesprochen Möööök, wenn man das mit tiefer Stimme langgezogen sagt „Möööööööök“ hört es sich an wie spei…eh scho wissen. Also Finger rein, in der Position am Rad bei 35km/h liegen bleiben, und nach einer zugegebenermaßen verlängerten Reaktionszeit des Körpers ist die Verbindung hergestellt, die „bösen Säfte“ draußen und siehe da es geht. Nachteil immer wenn ich wieder an die 36km/h Grenze ranfahren will fragt mich mein Magen „kleines Telefonat gefällig?“ also verliere ich absichtlich einiges an Zeit; Für die die es vergessen haben, ich musste ja noch einen Marathon laufen, und konnte nur mehr Wasser trinken. Auf der letzten Runde hab ich davon auch nur mehr einen halben Liter, weil ich irrtümlich bei der Verpflegungsstation wieder grüne Grütze bekommen habe. Die Herausforderung ist jetzt wie krieg ich Zucker in meinen Körper ohne speiben? Ich komme nach sehr guten 5 Stunden 7 Minuten mit komplett trockenem Mund, total durstig, in die Wechselzone zum Laufen, hocke mich hin blase durch, cool down, du packst es, also „auf der Goaß nach“. Ich renne raus, da steht plötzlich Andi, nach einer Halbdistanz in unglaublichen 04:45 gefinisht, frisch geduscht, kampelt und gschneizt (für die deutschen Freunde „Haare gekämmt und Nase geputzt) so als ob nichts wäre!!!!, hält mir den Krug Wasser hin fragt „schütten oder trinken“, paaah des zischt runter, aus den Ohren und Nasenlöchern Wasserdampf, den Rest auf die kochende Birne super.

Ich renn los und jetzt passt auf was sich dann abspielt. Nach 500 Meter steht Gerhard Lang, mit dem Fahrrad und einem Rucksack, fährt neben mir mit, „also hör zu, ich habe Wasser normal, Mineralwasser mit und ohne Kugerl, Cola ohne Kohlensäure, eisgekühlt und Bananen, sag nur was du willst alles im Preis inbegriffen.“ Ich scheiß mich an der rettet mir das Leben, ein dreiviertel Liter Cola (reiner Zucker nach uraltem amerikanischem Geheimrezept) ist gleich weg. „Gerhard kann ich bitte auch Wasser mit einem Löffel Kochsalz haben? ja bin gleich da, fahr schnell nach Hause ich weiß ja wo ich dich finde“ muahahaha. Er begleitet mich immer ein paar Streckenabschnitte, es ist ein Wechsellaufkurs in der burgenländischen Pampas, 5km raus 5km rein und das viermal, immer am selben asphaltierten Weg, bei mittlerweile 37 Grad ohne Schatten.

Er spricht mir Mut zu, baut mich auf, schüttet mir Wasser auf den Kopf - doch wir haben aber auch sehr tiefsinnige Konversationen.

„Paul du trinkst eigentlich viel, wie machst du das mit dem Pinkeln? du bleibst nicht stehen? – Gerhard glaube mir das willst du nicht wissen – ich kenne aber Paragleiter wenn die stundenlang in der Luft hängen und fliegen haben die Windelhosen an – Gerhard ich hab dir immer gesagt Triathlon ist erotischer als Paragleiten;

Du Paul mir ist heiß und ich bin schon ein bisschen müde ich warte unter diesem schattigem Baum bis du wieder da bist – Okay ich komme gleich ich renn nur schnell den 3km Abschnitt muahahaha“

Gerhards Frau Petra sorgt, obwohl sie gerade den Albtraum aller Eltern zu Hause hat – einen Mädels Kindergeburtstag –über telefonische Order von Gerhard für Nachschub und steht plötzlich selbst mit Coolpacks am Streckenrand – „ich hab genug, sag mir wennst welche brauchst“

Auf der zweiten Runde überholen mich einige mit einem lockeren Schritt und tollem Tempo, mich frisst der Neid, da rennt eine lange Bohnenstange mit weißer Schirmmütze und eine Art weißem Geschirrtuch im Nacken, so wie Lawrence von Arabien, mit einer Leichtigkeit an mir vorbei, paaah ich denke bleib selbst nur konstant, lass dich nicht verleiten, wär eh nicht mehr gegangen ihr wisst ja „Mööööök“ usw. Das unglaubliche passiert, ab der 3. Runde überhol ich die meisten wieder viele gehen, stolpern, stehen, so auch Lawrence von Arabien. Als ich die letzte Runde angehe und noch einmal rauslaufe, liegt am Ortsende Lawrence von Arabien, auf der Straße, am Bauch alle „Viere“ von sich gestreckt und rührt sich nicht, sofort beginnt ihn Gerhard zu versorgen. Als Gerhard kurz darauf wieder da ist sagt er „jetzt weiß ich was ich speib mich gerade an auf Englisch heißt“. Mir war gar nicht bewusst, dass ich mich seit ca. 6 Stunden schon wieder in einer Hitzeschlacht befand, okay nicht die Hölle Klagenfurt aber durchaus Vorhölle Podersdorf.

Ca. 2,5 km vor dem Ziel telefoniert Gerhard mit Martina und legt mit den Worten „Okay ich sags ihm“ auf. „Paul du hast die Goldmedaille, Paul du bist Staatsmeister, renn nur ganz normal weiter wennst da jetzt keinen Haxn brichst heißt es Paul Marouschek der Staatsmeister; Red keinen Scheiß Gerhard; Nein Martina hat gesagt der Jörg (auch einer meiner besten Freunde) sitzt vorm Computer und beobachtet den Liveticker, wennst nicht stehen bleibst – Goldmedaille“. Das drittelmal an diesem Tag dass ich Gänsehaut bekomme, ich weiß nicht soll ich plärren oder lachen, soll ich es glauben oder nicht? Mir rennt echt kalt über den Rücken, „Gerhard dreh dich um wer ist hinter mir? – Niemand brich da nix renn. Genieße die letzten zwei Kilometer jetzt erntest du, die Kälte, die Mühe, die Entbehrungen über das ganze Jahr, jetzt weißt du wofür du es getan hast, halt die Klappe, renn und genieße“.

Bist du deppat der Turbo zündet von selbst, ich renn mir die Seele aus dem Leib, Gerhard radelt neben mir „Platz da der Staatsmeister kommt, Wasser für den Staatsmeister“ so puscht er mich voller ehrlichen Stolz nach vorne, dreihundert Meter vor dem Ziel, einer vor mir der mich auch überholt hatte, ich sprinte, flieg an dem vorbei, ha ein Junger Tutter, keiner aus der M 50, schon hundert Meter vor dem Ziel hüpfe ich vor Freude wie ein Goaßbock auf und ab. 10:21: und ein paar Zerquetschte; ich habs geschafft, unglaublich, Martina ist da die Rögglas und Norbert Giarolli, der extra von der Autobahn runtergefahren ist und unbedingt beim Zieleinlauf dabei sein wollte, als er von Martina hörte wie ich liege. Natürlich oder besser gesagt Gott sei Dank auch Gerhard mit seiner Frau, der mir keinen größeren, herzlicheren und ehrlicheren Freundschaftsdienst an diesem Tag erweisen konnte – Danke Gerhard das vergesse ich dir nie. Es sind unbeschreibliche Momente der Freude und des Glücks wir fallen uns um den Hals – ein herrlicher Saisonabschluss.

Die Siegerehrung am nächsten Tag ist echt lustig und schön. Jörg kommt mit Elfi extra aus Wien, mit bedruckten Leibchen „Fan von Paul Marouschek, österreichischer Staatsmeister 2012 Langdistanz Podersdorf“ ich bekomm eins ohne Fan von, das ich bis am Montag in der Früh voller Stolz getragen habe. Vom Verein sind einige da auch „Bibi“ mein Schwimmcoach der mir so viel beigebracht hat.

Klar ich habe in dieser Saison viel dafür getan (ca 7290 km Rad gefahren, 280 km geschwommen, 2450 km gelaufen, seit September letzten Jahres im Schnitt 13 Stunden pro Woche trainiert, und dabei ca. 430.000 kcal verbrannt), ich habe aber dafür auch unendlich viel bekommen, und damit meine ich nicht meine Platzierungen in diversen Rankings, ich meine das Verständnis, die Motivation, die Freude und den Stolz meiner Familie allen voran Martina und Melanie, mein Bruder die Marathonsau.;-), von meinen Freunden, von meinen Arbeitskollegen und meinem Chef, von meinen Mitstreitern im Verein Tri Klosterneuburg und meinen Druiden. Das macht nicht nur glücklich, das gibt auch Mut und Motivation weiterzumachen, „Scheiß di net aun aloha Hawai 2013“ ist natürlich das Motto für nächstes Jahr und wenn nicht - auch wurscht es gilt ja einen wunderbaren Staatsmeistertitel zu verteidigen……

Liebe Freunde und Freundinnen
Danke für alles
ein glücklicher Paul

 

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